Frieden und Krieg

14.00

Meine Kindheit in Oberschlesien
Veröffentlicht: 2002
320 Seiten, Paperback
ISBN: 3-00-008966-7

Artikelnummer: 3101 Kategorie:

Beschreibung

„Großvater steht angelehnt an das Mäuerchen der Düngergrube und schaut hinauf zu den Tauben, die auf dem gegenüberliegenden Dach des Wohnhauses und der Ställe in der Morgensonne gurren und sich paaren.
In der linken Hand hält er eine Brotkrume, von der er mit einem Taschenmesser kleine Stückchen abschneidet, die er dann in seinen zahnlosen Mund steckt. Ab und zu legt er das Taschenmesser auf das Mäuerchen, zieht aus der Hosentasche eine dicke Scheibe Wandzunka heraus, beißt ein Stück davon ab und steckt sie wieder in die Tasche, damit Großmutter sie nicht sieht. Letztens hat er sie nicht tief genug hineingesteckt, ein Ende hat noch herausgehangen, als er über den Hof gegangen ist, und Großmutter hat es gesehen und hat geschimpft: cóz to za porządki, und wo kommen wir da hin, und weil sie sich doch so geärgert hat über diesen alten Mann, hat sie es dann auch ihren Töchtern erzählt, als diese wieder einmal zum Ablaßfest alle beisammen gewesen sind, der Berta, der Marika, der Regina und meiner Mama, aber die haben nur gelacht, schließlich habe er schon lange keine Zähne mehr, wie könne er da Wandzunka essen, ohne sich dabei den Magen zu verderben. Doch dann haben sie es genauer wissen wollen, haben Großvater vom Hof ins Wohnzimmer geholt, ihn auf das Sofa gesetzt und ihm in den Mund geschaut. Und weil sie es immer noch nicht glauben wollten, hat schließlich Regina ihm den kleinen Finger in den Mund gesteckt und am Unter- und Oberkiefer entlanggetastet, bis sie laut aufgeschrien hat und alle nun gewußt haben, daß Großvater auch ohne Zähne ordentlich zubeißen kann.
Grovater steht noch immer angelehnt am Mäuerchen der Düngergrube, während die Tauber auf dem Dach und auf den Laufstegen vor den Taubenschlägen mit aufgeblähtem Kropf um die Weibchen herumtänzeln, bis plötzlich wie auf ein geheimes Zeichen alle zusammen mit klatschendem Flügelschlag hoch in die Luft aufsteigen und über dem Gehöft ihre Kreise ziehen.“

„Schafwölkchen, wie aus dem Nichts platzen sie auf am leeren Mittagshimmel, und es werden immer mehr, und sie dehnen sich aus, während die ersten schon wieder verblassen, zerfließen und sich in Nichts auflösen, dabei donnert es leise, das ist die Flak, die Odertaler, oder die von Blechhammer. Es ist der siebte Juli 1944. Wir stehen im Hof, gespannt, und kucken, und dann sehen wir sie, hoch über den Wölkchen, winzig kleine silberne Kreuze, die in der Sonne glitzern, zehn, zwanzig, dreißig, vergeblich versuchen wir, sie zu zählen, sie fliegen zu hoch, zu hoch für die Flak, die erreicht sie nie. Und wir wissen, das sind die Amerikaner, die viermotorigen Langstreckenbomber, die fliegenden Festungen, die jetzt von Italien aus Deutschland angreifen. Schon in den letzten Wochen heulten in den Mittagsstunden öfter die Sirenen, Achtung, Achtung, tönte es zugleich aus den Lautsprechern der Radios, Feindliche Flieger im Anflug, aber dann blieb es bei der Vorwarnung, die feindlichen Flieger hatten offensichtlich die Richtung geändert, waren abgebogen irgendwohin nach Süddeutschland, Schwere Luftangriffe, so stand es an den folgendenTagen in der Zeitung, auf bayrische Städte. Doch heute zum ersten Mal kaum fünfzehn Minuten nach dem langgezogenen Sirenenton der Vorwarnung das heulende Auf und Ab, Fliegeralarm, der erste Luftangriff auf Oberschlesien. Wir stehen im Hof und kucken, dabei hätten wir längst im Luftschutzkeller sein sollen, Ihr kommt sofort ins Haus, ruft Mama aufgeregt, dabei kommt der Donner der Flak von weit her, und die Wölkchen am Himmel sind unendlich hoch und die Bomber noch weit darüber, aber wir müssen ins Haus, Was meint ihr, wenn euch jemand von der Straße aus sieht, dann sperren sie mich ein. Unterdessen schwenken die Bomber, jetzt schon fast über unseren Köpfen, in einer majestätischen Kurve Richtung Westen, offensichtlich kehren sie um, zurück zu ihren Stützpunkten in Italien.“

Bewertungen

Es gibt noch keine Bewertungen.

Schreibe die erste Bewertung für „Frieden und Krieg“

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.